Hackday-Thema · Yayoi Kusama
Hallucination Net
Ein interaktiver Sketch, bei dem ein chaotisch pulsierendes Perlin-Noise-Netz durch Handtracking gezähmt wird. Im Umkreis der Hand entsteht eine Zone absoluter geometrischer Stille.
Das Artefakt
Das digitale Artefakt „Hallucination Net“ übersetzt Yayoi Kusamas ikonische, unendliche Netzstrukturen (Infinity Nets) in eine dynamische, körpergesteuerte Echtzeit-Installation. Ein dichtes mathematisches Gitter wird im Hintergrund durch ein starkes Perlin-Noise-Feld in ein fließendes, psychedelisches Chaos versetzt. Sobald sich eine Hand vor die Webcam bewegt, bricht die generative Verformung lokal auf.
Mithilfe eines KI-gestützten Hand-Trackings manifestieren sich die Hände als helle Orientierungspunkte im Raum. Genau an diesen Positionen glättet sich die organische Bewegung. Die physische Präsenz des Körpers wird zu einem ordnenden Werkzeug, das der unendlichen Bewegung temporäre Ruhe gibt.
Bezug zu Kusama
In Kusamas Schaffen spielen Halluzinationen und das visuelle Auflösen von Strukturen eine zentrale Rolle. Ihre repetitive Netze bedecken ganze Räume und Objekte, um Grenzen zu verwischen. „Hallucination Net“ greift diese Idee auf und kehrt den Wirkmechanismus um: Das Netz selbst ist bereits das von Illusionen getriebene, unruhige Muster, das den digitalen Raum vollkommen einnimmt.
In diesem System wird der Mensch nicht, wie oft bei Kusama, vom Muster überrollt, sondern er wird zum Ruhepunkt. Wo Kusamas Netze absichtlich Chaos erzeugen, bringt die Handbewegung in diesem Sketch eine klare Struktur in das wilde Wackeln. Dieses Zusammenspiel aus dem echten Kamerabild und dem digitalen Liniennetz zeigt, wie wir als Menschen versuchen, die Kontrolle über digitale, unruhige Welten zu behalten.
Wie die Interaktion funktioniert
Die interaktive Steuerung basiert auf zwei Kernparametern, die über die GUI justiert werden können: der Netzdichte (Amount) und der Wellenstärke (Distance). Der Kontrast des Systems entfaltet sich besonders bei einer maximierten Wellenstärke, die das Netz im Hintergrund in extreme, wellenartige Verzerrungen zwingt.
Das System nutzt ML5.js, um 21 Punkte auf der Hand über die Webcam zu tracken. Der Code prüft für jeden Punkt im Netz, wie weit er von den Fingern entfernt ist. Liegt die Entfernung unter 300 Pixeln, bremst der Code die Bewegung des Netzes ab. Direkt auf den Händen stoppt das Zittern vollständig. Es entsteht ein unbewegtes Gitter, das der echten Handform exakt folgt.
Drei Stationen einer Genese
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01
Vorstufe: Punktwucherung
Absicht: Erste Annäherung an Kusamas Punkte-Akkumulation über ein interaktives System, das auf die Geschwindigkeit der Maus reagiert.
Geschehen: Je schneller die Maus bewegt wird, desto mehr farbige Punkte entstehen in einem zufälligen Radius um den Zeiger herum. Ein leicht transparentes Schwarz im Hintergrund lässt ältere Punkte langsam verblassen.
Mitnahme: Das organische Gefühl und das unruhige Wuchern der Punkte funktionierten technisch sehr gut. Da sich jedoch bereits viele andere Projekte intensiv mit Kusamas klassischen Punkt-Akkumulationen auseinandergesetzt haben, wollte ich meinen Fokus bewusst auf ein anderes, ebenso faszinierendes Hauptwerk von ihr lenken: die unendlichen Linienstrukturen ihrer „Infinity Nets“.
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02
Vorstufe: Infinity Net
Absicht:Wechsel von losen Punkten hin zu einer zusammenhängenden, netzartigen Gewebestruktur (Infinity Net) mithilfe von mathematischem Perlin Noise.
Geschehen:Ein sauberes Raster aus Linien wird durch Zeit- und Raum-Zufallswerte so verschoben, dass ein unendlich wellenförmiges, fließendes Muster auf dem Bildschirm entsteht.
Mitnahme:Die Wellenbewegung war flüssig und hypnotisch, allerdings fehlte jegliche Interaktion. Das Netz lief komplett von alleine ab und reagierte nicht mehr auf den Nutzer.
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03
Finaler Sketch: Hallucination Net
Absicht:Die Verbindung der beiden vorherigen Schritte: Das wilde, generative Liniennetz soll durch die physische Präsenz der eigenen Hände kontrolliert werden.
Geschehen:Das System trackt über die Webcam die Gelenke der Hand. Im Umkreis von 300 Pixeln um die Finger herum wird das wellige Noise-Netz stufenlos ausgebremst, bis es zu einem flachen, völlig stillen Gitter erstarrt.
Mitnahme:Das Zusammenspiel funktioniert perfekt. Die Hand wird zu einer sichtbaren Schutzzone, die das digitale, psychedelische Chaos im Hintergrund lokal beruhigt und ordnet.
Erkenntnis
Die größte Erleichterung im Semester: Zu merken, dass das ML5-Handtracking meine Handbewegung im Browser schneller versteht als ich die Mathe-Logik hinter dem Perlin Noise. Wenn das Netz im Hintergrund mal wieder wilder zappelt als ich nach dem vierten Kaffee, hilft nur eins: Hand ins Bild und die digitale Welt eiskalt ignorieren.